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LESEPROBE: MORGEN

Morgen

Du bist heute, was du gestern gedacht hast. Du wirst morgen sein, was du heute denkst. Buddha
Übungen: Erwachen, Aufstehen, Reinigung

Eos, die Schwester von Helios, der Sonne, und Selene, dem Mond, ist für die alten GriechInnen die Göttin der Morgenröte, die RömerInnen nannten sie Aurora. Jeden Morgen kündigt sie den kommenden Tag an, indem sie mit ihrem Wagen, gezogen von den zwei Pferden „Glanz“ und „Schimmer“ im Osten am Horizont auftaucht. Ihr Bruder Helios folgt ihr dann etwas später. Mit ihrem Mann Astraios, dem Gott der Abenddämmerung, hat sie viele Kinder, unter anderen die vier Winde und den Morgenstern. Sie ist die anmutige, schöne, gelockte und rosenfingerige Gottheit in einem safran-farbigen Kleid.

Heinrich Seidel beschreibt sie wunderbar in seinem Gedicht „Am Morgen“:

Was das Dunkel mir verborgen,

leuchtet jetzt in goldner Pracht.

Rosig blüht der junge Morgen

aus dem dunklen Kelch der Nacht.

Bei den GermanInnen heißt sie Fulla und spendet Segen und Reichtum. Fulla ist überaus schön, hat lange, wehenden Haare, die der Morgennebel sind, und die zarteste Gesichtsfarbe, welche das Rosenrot der Morgenröte und der aufgehenden Sonne widerspiegelt. Ihre Juwelen sind die Tautropfen auf den Wiesen, ihre Kleider die benetzten Spinnweben. Sie ist eine Vegetations- und Fruchtbarkeitsgöttin, die Göttin des Ackerbaus, des Überflusses der fruchtbaren Erde. Ihr langes, blondes Haar steht auch für die Schönheit und Fülle von reifem Korn. Sie trägt ein goldenes Band in ihrem Haar, als Symbol für das Band einer Korngarbe. Sie ist die Göttin der Edelsteine, der Geheimnisse und Mysterien und die Wächterin unentdeckter Reichtümer. Sie gibt die Kraft des jungen Morgens, vertreibt böse Träume und düstere Erinnerungen. Sie schenkt Frauen blühendes Leben, zarte Haut, die schönsten Geschmeide, ein sinnliches und leichtes Leben in Fülle.

Eine ganz kurze Übung für den Morgen hat mir Manuela gezeigt in Anlehnung an ein Gedicht „Kleine Morgengymnastik“ von Hans Krupka:

Ich stehe mit dem richtigen Fuß auf,

öffne das Fenster der Seele,

verbeuge mich vor allem, was lebt,

wende mein Gesicht der Sonne entgegen,

springe ein paarmal über meinen Schatten

und lache mich gesund.

Manuela hat daraus wirklich eine körperlich-psychische Gymnastik entwickelt, keine Minute lang und sehr effektiv. Probiere es doch selber mal aus!

In einer längeren Übung kannst du noch genauer in die einzelnen Prozesse des Morgens eintauchen. Magst du dir ein fruchtbares Leben in Fülle erahnen? Magst du dir deinen Tag mit üppiger Farbenpracht gestalten? Magst du das Glück selbst heute erfinden?

Übung: Erwachen

Dann schließe bitte deine lieben Augen. Atme durch dein Herz ein und aus. Du liegst in deinem Wolkenfederbett und schläfst tief und fest. Aus jeder deiner Zellen spinnen sich feine Fäden aus Licht in die Tiefen dieser Welt und verbinden dich in ein wogendes Lichtermeer. Dort wirst du geschaukelt, gewiegt und die Sterne zwinkern dir zu und behüten deinen Schlaf. Du träumst von Frieden, Glück, Vertrauen und Liebe. Du phantasierst dir wunderschöne Träume aus. Du siehst dich voller Zuversicht, voller beglückender Begegnungen und Situationen, voller Verbundenheit mit der Schöpfung. Du erlebst dich in einer wunderschönen Welt, die viele Möglichkeiten und Wege für deine Entfaltung birgt.

Du schläfst glücklich wie ein kleines Kind in den Armen seiner liebenden Mutter, der Göttin der Nacht: geborgen, gehalten, getragen, entspannt.

Nach Zeitlosigkeiten nimmt dein Ohr erst zart entfernt, dann näher raunend, eine wunderbare Melodie wahr: das Singen der Vögel am Morgen. Dein Ohr kann diese Lieder verstehen, Lieder voller Glück und Freude über das Morgenrot, über den Nebeltau, über den sanften Wind, der zärtlich über die grünenden Gräser wogt. Die Vögel erzählen, wie die Welt mit ihren bunten Formen und Farben wieder in Erscheinung tritt, wie Bewegung langsam erwacht, ja, wie selbst die verschlossenen Kelche der Blumen sich zitternd öffnen.

Deine Wange, zum Fenster gewandt ist, spürt eine sinnliche Wärme, ein leichtes Kitzeln: Wach auf, meine Schöne, mein Lieber, schau, die Morgenröte ist erwacht und erreicht dich schon mit einem zarten, ersten, goldenen Strahl. Der Strahl kitzelt nicht nur die Wange, du richtest dein Gesicht ihm entgegen, dass er auch die Nase, die andere Wange, das Kinn, die sanften Lippen, die Nase, die Lider auf deinen Augen, die Ohren, ja, selbst die Haare kitzeln kann. Du genießt diese sinnliche Massage und schiebst die Decke leicht hinweg, so dass der Strahl deinen Hals, dein Dekolletee, ja, sogar die Brustwarzen küssen kann. Guten Morgen, meine Schöne, guten Morgen, mein Lieber. Du deckst die Decke weiter auf: Der Strahl verwöhnt deine Schultern, Arme und Hände, dann den Bauchnabel, er zeichnet die Form deiner Hüften nach, umschmiegt den Unterleib und deine Zentren der Wonne, streichelt die Oberschenkel liebevoll bis zu den Unterschenkeln und deinen Füßen – du gibst den ganzen Körper der Massage der Morgenröte hin. Du genießt das Kribbeln und Prickeln im ganzen Körper, jede Zelle tankt rotdurchtränktes Licht, jede Zelle atmet die klare Luft des Morgens ein. Jede Zelle erwacht, begrüßt dich und schwingt sich fein ein in die Rhythmen der Sonnenstrahlen. Jede Zelle atmet die Morgenröte ein bis dein ganzer Körper durchflutet ist von Neubeginn, bis auch dein Gehirn erwacht und funkelt voller Neugierde auf diesen neuen Tag. Und wie die Blumenblüten auf den Wiesen öffnet sich dein Herz und reckt sich der rotgoldenen Pracht entgegen, wächst zum Licht. Guten Morgen, liebes Menschenkind.

So tankst du auf, die Lebendigkeit, das Licht, die Sinnlichkeit und die überwältigende Fülle, die gerade jetzt üppig keimt. Nun bist du bereit für neue Erfahrung, für neues Lernen, für das Rotgold des Erwachens.

Du erinnerst dich an deine um Mitternacht gefassten Vorhaben für heute, an deine neue Einstellung, diesen Tag zu beglücken, dich selbst zu lieben. So stehst du mit Begeisterung auf in diese neue Haltung, die die Vision deiner Zukunft birgt. Erinnere dich bitte: Du bist die Würde, die Zuversicht, der Mut, du bist die unendliche Kreativität, zu lernen, zu wachsen, zu gestalten. Du bist die Göttin der Morgenröte, der Gott der aufgehenden Sonne: Ein neuer Tag – welch eine Chance!

Übung: Aufstehen

Stehe auf! Stehe bitte auf in deine schöpferische Freiheit und in deine Zuversicht! An einem goldenen Strahl kommt deine Krone und setzt sich mitten auf deinen Kopf, die Wirbelsäule wächst ihr schon entgegen und balanciert sie wie ein Seehund seinen Ball auf der Nase. Die Krone bringt dich in deine Würde und in diese schwingende Flexibilität, die jedem Wind des Lebens nachgibt, ihn auspendelt und einpendelt von einer Balance in die nächste. Das Schwingen ist die Grundbewegung allen Seins.

Ja, spüre genauer hin, dort, nahe der Wirbelsäule wachsen deine Flügel und öffnen den Brustraum, weiten dich für diesen Tag. Lass sie flattern – spüre die Leichtigkeit, erahne deine Freiheit. Fliege wie Eos am Himmel, lass dich führen von Glanz und Schimmer, wissend, das Licht wird dir stets folgen.

Steh auf in deine Würde! Steh auf in deine Freiheit! Steh auf in deine Kreativität!

Übung: Reinigung

Dein erster Flug führt dich bestimmt ins Badezimmer. Dort auf der Toilette entledigst du dich noch einmal von Altem, von Vergangenem, von Schlacken. Danke deinem Körper für die Verwertung, für die Entgiftung, für die Reinigung. Und dann spüle ab – verabschiede die Vergangenheit. Das alles war einmal, es sind die Ausscheidungen von gestern, es ist vorbei für immer. Nun ist dein Körper frei für neuen Genuss.

Wenn du magst, schalte die Dusche an: Spüre die Zärtlichkeit des warmen Wassers über deiner Haut, über deinen Haaren, zerfließen über das Gesicht, den Hals, deine Schultern, Arme und Hände, deine Brüste, deinen Rumpf bis zu den Beinen und Füßen. Öffne die Schädeldecke und lass das Wasser die Zweifel und Sorgen, die Nöte und Ängste und all die Dunkelheit fortnehmen. Stelle dir jede einzelne Zelle gereinigt und klar vor. Visualisiere deinen Körper innerlich und äußerlich sauber, makellos und echt wie neugeboren. Erspüre dich taufrisch und kristallklar.

Trockene ihn nun ab, ganz achtsam, creme ihn ein mit einem schützenden Mantel voller Lavendelduft oder Rosenöl oder Kamille – entscheide selber. Creme die Liebe ein, den Schutz, die Schönheit, die duftende Verführung – was immer dir einfällt.

Und dann: Betrachte dich im Spiegel! Welch eine Schönheit, welch eine Anmut, welch eine Reinheit und Klarheit! Schau, wie vollkommen dein Körper ist: bewegliche Füße und Beine, schwingende Hüften, wohlgeformter Rumpf, bewegliche Schultern, Arme und Hände, ein schwingender Kopf auf deinen Schultern und ein hinreißendes Lächeln auf deinen Lippen. Und schaue dir selbst in die Augen! Welch ein Funkeln, welch eine Lebendigkeit, welch eine Tiefe und welch ein wohliger Frieden: Das alles bist du!

Erkenne dich selbst und lobe dich in den schönsten Worten 3 Minuten lang: Lobe dich für dein Äußeres und für dein Inneres, für dein Vergangenes, für dein Jetziges und dein Zukünftiges, für die Vision, die du sein kannst und sein möchtest – phantasiere selbst. Und dann danke für dein Leben: Danke deinen Füßen für den Stand, deinen Beinen für die Beweglichkeit, deinem Unterleib für die Geheimnisse und Freuden der Weiblichkeit oder der Männlichkeit, deinem Rumpf für alle inneren Organe, deinen Schultern fürs Tragen, deinen Armen und Händen für das Handeln und deiner Schilddrüse für die Balance, deinen Sinnesorganen im Kopf für die Wahrnehmungen dieser Welt, deinem Herzen für die Liebe und deinem funkelnden Hirn für die Fähigkeit, zu erkennen und zu erschaffen: einen erfüllten neuen Tag.

Zieh dich an, kleide dich ein mit Schutz, mit Farben, mit Sinnlichkeit, mit Anmut, kleide dich an mit Männlichkeit oder Weiblichkeit. Bürste dein Haar, bis es glänzt wie reine Seide, putze deine Zähne, bis sie strahlen wie der frisch geschneite Schnee.

Schau, wie die Krone in deinem Spiegel funkelt.

Öffne die Fenster und begrüße das Morgenlicht. Atme den Sonnenaufgang ein und schicke ihn in jede Zelle deines Körpers, in jede Faser deines Seins und in die Wasser zwischen den Zellen und Organen. Verbinde dich mit der Kraft der Morgenröte, der Kraft des Neubeginns: Heute ist eine neue Chance, ein neues Glück.

Schreite durch den Raum mit der neuen Haltung, der neuen Würde, der Ausrichtung auf Gesundheit und Fülle und erschaue, was passiert. Frühstücke mit der neuen Haltung, begegne Menschen mit der neuen Einstellung, ja, geh sogar auf deine ehemaligen Feinde zu mit dieser neuen Haltung und beobachte, was geschieht. Und vor allem erkenne dich selbst in deiner Fülle, Vielfalt und deiner unendlichen Kreativität.

Wie fühlt sich das neue Leben an, wie fühlt sich der Körper an? Wie fühlt sich die Welt an?

Und dann tanze deinen neuen Tag begeistert in den Boden von Mutter Erde, wenn du willst, in einer Acht: Tanze die neue Haltung so lange, bis sie sich in dir beheimatet. Komm, beweg dich, tanze, tanze, tanze!

Tanze vielleicht im Kreis des Lebens mit Elton Johns Musik „Circle of life“. Hier ein Auszug aus der Lyrik in meiner eigenen deutschen Version:

Es gibt so viel, hier zu verwirklichen

und mehr zu finden, als man je finden kann.

Und die Sonne steigt auf

am saphirblauen Himmel,

nimmt Klein und Groß mit in einen endlosen Kreislauf.

Im Kreis des Lebens,

im Rad des Schicksals,

finden wir das uneingeschränkte Vertrauen,

das Band der Hoffnung,

bis wir unseren Platz finden

auf dem sich ausbreitenden Weg

im Kreis des Lebens.