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LESEPROBE: EINSTIMMUNG

Einstimmung

Phantasie ist der Goldglanz, der über dem Dasein liegt und es über das Grau des Alltags erhebt. Wladimir Lindenberg

Möchtest du heilend mit dir und deinen Lieben umgehen, ohne viel Zeit zu investieren? Möchtest du gesunden während deiner täglichen Routine? Möchtest du glücklich sein in deinem Alltag und in deiner Allnacht? Möchtest du so ganz nebenbei dein Leben verändern, vertiefen, erweitern und zentrieren? Möchtest du erwachen und erblühen für deinen heutigen Tag?

Seit jeher liefern die Erde und die Gestirne uns den Rhythmus. Die Zeitspanne, die die Erde benötigt, um sich um sich selbst zu drehen, nennen wir Tag und Nacht oder Tagnacht. Für alle anderen kleineren Einteilungen gibt uns der Kosmos keine Vorgaben. So zergliederten die Sumerer wohl schon vor 5000 Jahren die Zeit in Stunden. Vermutlich erst in der Mitte des 14. Jahrhunderts wurde die Stunde eine offizielle Größe. Der Sekundenzähler kam erst mit der Industrialisierung im 18. Jahrhundert dazu. Ein Tag ist somit für uns heute 24 Stunden, 1440 Minuten und 86 400 Sekunden. Welch eine Fülle! Was machst du damit? Lässt du sie verstreichen, hältst du sie aus, füllst du sie aus, gestaltest du sie? Nimmst du dir die Zeit, damit sie dir wirklich gehört?

Von der Philosophie, Biologie über die Physik und Quantenphysik bis zur Psychologie, Soziologie und Kulturgeschichte bleibt das Phänomen der Zeit wohl eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Welt. Die alten GriechInnen gaben der Zeit sogar göttliche Gesichter: Sie war oft etwas Heiliges und damit auch etwas Heilendes. „Die Zeit heilt alle Wunden“, weiß auch der deutsche Volksmund. Die Zeit als solche können wir beinahe als Archetyp bezeichnen, ein tief in uns angesiedeltes Urbild oder Vorstellungsmuster, das uns von innen her strukturiert und unser Leben sozusagen auf die Reihe bringt. Das Wesen dieses Archetyps ist unbewusst und nur in seinem Ausdruck, in seiner Wirkung und in seinem symbolischen Gehalt erfahrbar.

Dieser Archetyp der Zeit unterliegt selbst Wandlungen im Verlauf der Zeiten. Wir leben heute in einer ganz besonderen Raum-Zeit. In den letzten Jahrzehnten haben sich nicht nur der Zeitgeist, sondern auch unser Zeitverständnis, unsere Zeitstrukturen und -inhalte radikal verändert. Unser Leben ist nicht mehr so, wie es Jahrhunderte zuvor war. Die Zeit erscheint schneller, kürzer, aber vielleicht auch effizienter und zielgerichteter. Wir meinen über weniger Zeit zu verfügen, obwohl wir doch mehr davon als unsere Vorfahren zur freien Verfügung haben: mehr freie Zeit am Tage und auch in der Gesamtschau unseres Lebens.

All diese Veränderungen haben auch unseren Alltag umgestaltet und oft zu einem hastigen Leben getrieben: perfekt, pünktlich, platt. Aus dieser veränderten Welt, Umwelt wie Innenwelt, sind viele Erkrankungen der letzten Zeit entstanden, verfestigt und chronifiziert. Sie sind Symptome, Hilfeschreie, unserer heutigen Zeit.

So gestaltet sich das Phänomen der Zeit so, wie wir gerade jetzt es betrachten. Vor Jahrmilliarden hat sich die Raum-Zeit ins Leben explodiert. Wir Menschen gaben ihr göttliche Gesichter, wir fuhren auf ihren Kutschen durch die Rhythmen von Tag und Nacht. Im Laufe der Zeiten wurden sie entthront und ermordet, bis die Zeit selbst zum Schlächter wurde. In der zunehmenden Digitalisierung wurde Zeit zerstückelt und dann zerstückelte sie uns. Burnout nennen wir diesen Zustand.

In unserer Neuzeit sind wir aus den Rhythmen der Zeit herausgefallen. Wir leben in einer Zeit der Auflösung von Ritualen, der Auflösung von sowohl individuellen als auch gesellschaftlichen heilenden und nährenden Zeit-Strukturen. Nicht nur die Schichtarbeit mit ihrer Auflösung von Rhythmen, nein, auch scheinbar zeitneutrale Erfindungen wie die der Glühbirne, des Flugzeuges, von Medikamenten etc. beeinflussen zutiefst unserer Zeiterleben. Du wirst sicherlich noch mehr Beispiele finden, wenn du danach suchst.

Als Archetyp hat die Zeit zwei Seiten, dort, wo sie verrinnt und zerfällt, und dort, wo sie uns vertieft und vollendet. Im Geschäftsleben ist Zeit Geld. Gleichzeitig boomen Verfahren, die die Zeit anhalten, Achtsamkeit anregen und die Pforten des Jetzt öffnen. Dadurch können wir uns aus den Verwicklungen der Zeit befreien, bis nur noch die Essenz der Zeit wahrhaftig bleibt: der hier und jetzt erfüllte Augenblick.

Unser Körper, mit seiner zighunderttausend Jahre alten Weisheit, schwingt oft noch in den Rhythmen der Welt, die ihn damals ganz natürlich umgeben haben und ihn trotz aller Modernität immer noch begleiten und durchtränken. Durch die immer wiederkehrenden Rhythmen von Tag und Nacht haben wir Lebewesen seit Hundertausenden von Jahren eine Vielzahl an inneren Uhren entwickelt, die tief in unserem Körper ablaufen und die in den Strapazen unserer heutigen modernen Welt immer wieder synchronisiert werden müssen. Gesundung erfolgt im Einklang mit diesen Rhythmen.

So werden wir uns auf den nächsten Seiten mit den Rhythmen des Tages und der Nacht verbinden und aus ihrer symbolischen Tiefe schöpfen. Jeder Tag und jede Nacht verfügen über eine tiefgreifende Symbolik und heilsame Erkenntnisse. Jedes Morgenrot durchströmt unsere Zuversicht, jede Abenddämmerung flutet unseren Abschied. Jede Nacht birgt uns, jeder Tag erleuchtet uns. Im Licht der Sonne und im Funkeln der Sterne werden wir mit jeder Zelle unseres Körpers angeregt, zu sein und im Rhythmus zu leben. Mit jedem Sonnenstrahl verinnerlichen wir Wärme und Licht, mit jedem Sternenleuchten nehmen wir die dunkle Weite scheinbarer Unendlichkeit in uns auf. Wir absorbieren die Natur, indem wir in Resonanz mit ihr schwingen.

Mit den folgenden Ausführungen und Übungen werden wir diese alten Rhythmen neu erwecken. Da es sich bei der vorgeschlagenen Praxis oft um Übungen der Imagination handelt, kannst du sie sogar durchführen, auch wenn du nicht im Wald oder im Sonnenschein bist. Du kannst im Flugzeug zwischen zwei Zeitzonen imaginieren, im Hochhaus oder im Keller, den kein Sonnenstrahl zu erreichen scheint. Im Inneren findest du dennoch Zugang: Deine innere Weisheit kennt den Sonnenaufgang, den Zenit, die untergehende Sonne und auch die Nacht. Locke diese Bilder hervor, nähre sie und sie werden dich nähren, ja, sie werden dich sättigen und erfüllen können.

Wundersamerweise sprechen wir im Deutschen von „All-Tag“. Das Wort „all“ entstammt vermutlich dem Althochdeutschen und meint „umfassend, ganz“ – was dann mit fortschreitender Naturwissenschaft zum „All“ als Gesamtes dieser Welt geführt hat. Wieso und wie und wann es dann zu dem Ausdruck „Alltag“ kam, konnte ich nicht genau herausfinden: Es seien halt alle Tage gleich, gewöhnlich, das tägliche Einerlei oder All-erlei….. Doch ist es nicht genial, dass sich das All in unseren Tag und vielleicht auch in unsere Nacht hereingeschlichen hat? Das ganze Universum liegt dir sozusagen hier und jetzt zu deinen Füßen. „Der Augenblick ist Ewigkeit“, formulierte schon Goethe.

An die natürlichen Rhythmen koppeln wir im Folgenden verschiedene Übungen, zumeist Übungen der Imagination: Im Reich unserer Phantasie sind wir Schöpferin und Schöpfer unseres Lebens, dort können wir walten und gestalten und unsere Kreativität entfalten. So können wir den Urgrund der Zeiten erahnen und uns mit ihm verbinden, so dass wir in der Zeit selbst ein Zuhause finden: „Unsere wahre Heimat ist der gegenwärtige Moment“, formuliert Thich Nat Than, ein bekannter buddhistischer Mönch.

In jedem Moment offenbart sich gleichsam das ganze All: Stell dir vor, in einem Tropfen Wasser, ja in jedem Molekül, in jedem Atom schwingt die ganze Entstehungsgeschichte des Universums. In diesem Tropfen, den du vielleicht gleich trinken wirst, vereinnahmst du die Entwicklung der Lebewesen, die sich aus dem Wasser entfaltet haben. Durch diesen Tropfen kannst du dich selbst erfahren: eine flüssige Perle in einem wogenden Ozean, den wir Leben nennen.

Durch jeden Augenblick kannst du sozusagen in die Tiefen dieser Welt blicken und sie gestalten. Dazu verlässt du dein Alltagsbewusstsein, das sich nur zu gerne in den Dimensionen der Zeit verirrt und verspannt, und du hältst inne, erkennst und verwandelst.

Eigentlich ist es ganz einfach, es geht lediglich darum, deine Einstellung während deiner Arbeitsroutine zu verändern, und damit sind erst einmal deine Gedanken, Empfindungen, inneren Bilder und deine Körperhaltung gemeint. Wichtig hierfür ist Begeisterung. Durch Begeisterung wird das Gehirn angeregt, neue neuronale Netzwerke zu schaffen und damit neue Erfahrungen. Da wir alle schon mal Gefühle der Begeisterung, Faszination und neugieriger Vorfreude erlebt haben – wenn du zurückgehst in deine Kindheit, wirst du vermutlich einige davon finden – , können wir damit an vertraute positive Erfahrungen anknüpfen und so die neuen Erlebnisse sicher mit der alten Vorfreude verankern.

Beginne zu hüpfen, zu jubeln und zu strahlen!

Sobald dein Körper in Bewegung kommt, formen sich auch die Gedanken und Empfindungen zu einem Fluss des begeisterten Lebens, den die Psychologie Flow nennt. Dabei ist es unserem Körper egal, ob du an deine eigene Begeisterung jetzt gerade glaubst oder ob du zweifelst – sobald dein Körper ein hüpfendes Springen nachahmt und die Mundwinkel sich zu den Ohren entwickeln, schüttet dein Körper Hormone aus – der Volksmund nennt sie Glückshormone -, die die Vorfreude verstärken und vertiefen.

Weiterhin darfst du dich besser in deinem Körper spüren und ihn in eine neue Haltung führen, um dann letztendlich deine eigene Kreativität in die Routine hinein zu gestalten. Du brauchst keine Probleme zu lösen, sondern kannst dich von den Problemen lösen.

Du darfst die neuronalen Netzwerke, die dein Gehirn in der Alltagsroutine fest zusammenbindet, erkennen, auflösen und neue Muster erschaffen und damit eine individuelle Melodie, die ab nun alle deine Tätigkeiten heilend durchströmt. Deshalb habe ich dir hier auch beispielhaft viel Musik in diese Seiten hineinkomponiert – soweit dies im Rahmen eines Buches aus Papier möglich ist. Musik, vor allem deine Lieblingsmusik, verbindet dein Gehirn mit Lebensphasen der Entspannung, der Freude, vielleicht auch sogar der Ekstase. Mit Musik fällt dir das Weben neuer Netzwerke mitunter leichter. Von den vielleicht zig Millionen Erinnerungsbildern, die dein Geist pro Tag produziert, bleiben dann das eine oder andere an der Musik hängen, werden von ihr geleitet und geführt in verborgene Welten mitten in dir. Des Weiteren werde ich dir auch immer wieder Geschichten erzählen und dich eintauchen in die Mythologie alter Kulturen. Lass dich von deren Bildern anregen! Geschichten sind wie Spiegel, sie zeigen Lösungsmöglichkeiten, bieten Schutz, werden gut erinnert, regen die Phantasie an und schaffen Verbundenheit zu einer Kultur, von der wir ein Teil sind.

Wenn die Uhr äußerlich weiterläuft, wirst du lernen, der Zeit Raum zu geben, damit du aus der Fülle schöpfen kannst. Stress verengt nicht nur die Zeit, sondern auch den Raum, was du vielleicht körperlich spürst, wenn du kaum noch Luft zum Atmen bekommst.

Und die Zeit ist dir vermutlich oft knapp, so dass es hilfreich anmutet, der Zeit Raum zu verschaffen und ihr so Sinn und Möglichkeiten zu verleihen. Den gewonnenen Raum erfüllen wir mit der Mystik von Jahrtausenden, mit alten und modernen Klängen ebenso wie mit den Schönheiten des All-Tages und der All-Nacht. Wir stabilisieren alles durch Übungen, die wir ja jeden Tag wiederholen können, denn sie sind an die Rhythmen der Zeit gebunden. Im Schoß dieser Verlässlichkeiten kannst du dich entfalten. Du wirst hoffentlich merken, wie vieles dir immer leichter von der Hand gehen wird, wie deine Tage erfüllter werden, spürbarer, wie das Glück immer häufiger Einzug hält, wie dein Leben zu gelingen beginnt.

Ein erstes Lied zur Einstimmung stelle ich dir gleich an den Anfang: Bob Dylan hat es 1970 als Hymne an sein jüdisches Erbe getextet, aber richtig berühmt wurde es erst einige Jahre später durch Manfred Mans Earth Band: Es heißt „Father of Day, Father of Night“. Da du vielleicht mit dem jüdischen oder auch dem christlichen Gott nicht einverstanden bist, übersetze ich dir den Inhalt in einer „neutralen“ Version:

Weisheit des Tages, Weisheit der Nacht,

Weisheit, die die Dunkelheit auflöst,

die die Wasser strömen. die Vögel fliegen,

das Korn wachsen und den Regenbogen schwingen lässt,

Weisheit der Minuten und der Tage – wir ehren dich!

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